1. Produktverantwortung (ProdSG) und Produkthaftung (ProdHaftG)
Warum wurde das Produkthaftungsgesetz eingeführt?
Das Produkthaftungsgesetz wurde eingeführt, weil:
-
Produkte immer komplexer und gefährlicher wurden,
-
Geschädigte nach altem Recht kaum Chancen auf Schadensersatz hatten,
-
und der Gesetzgeber den Verbraucherschutz stärken wollte.
Historischer Hintergrund - Zusatzwissen
Das Produkthaftungsgesetz ist am 1.1.1990 in Kraft getreten.
Das Produkthaftungsgesetz wurde eingeführt, weil:
Produkte immer komplexer und gefährlicher wurden,
Geschädigte nach altem Recht kaum Chancen auf Schadensersatz hatten,
und der Gesetzgeber den Verbraucherschutz stärken wollte.
** Die Situation vor dem Produkthaftungsgesetz**
Vor 1990 galt im Wesentlichen:
Haftung nach § 823 BGB (unerlaubte Handlung)
➜ Verschuldenshaftung
Problem:
Der Geschädigte musste beweisen:
Wer den Schaden verursacht hat
dass der Hersteller schuldhaft gehandelt hat (z. B. fahrlässig)
In der Praxis fast unmöglich bei:
Serienproduktion
komplexen Maschinen
internationalen Lieferketten
Folge: „Der Kunde wusste zwar, dass das Produkt gefährlich war – aber nicht, wer im Unternehmen den Fehler gemacht hat.“
Europäischer Auslöser
Das ProdHaftG ist kein rein deutsches Gesetz, sondern:
Umsetzung einer EU-Richtlinie von 1985
Ziel: einheitliche Produkthaftung in Europa
→ Damit:
gleiche Wettbewerbsbedingungen
gleicher Verbraucherschutz in allen EU-Staaten
Zentrales Ziel des Gesetzes
Risikoverlagerung:
Früher:
Risiko beim Verbraucher
Heute:
Risiko beim Hersteller
Begründung:
-
Hersteller verdienen Geld mit dem Produkt
-
Hersteller beherrschen Konstruktion, Produktion und Qualität
-
Hersteller können Risiken versichern und kalkulieren
„Wer das Produkt in den Verkehr bringt, soll auch für seine Gefahren einstehen.“
Merke:
„Das Produkthaftungsgesetz gibt es seit 1990.
Es wurde eingeführt, um Verbraucher besser zu schützen und die Beweislast vom Geschädigten auf den Hersteller zu verlagern.“
Ausgangsfall:
Häufig kauft der Kunde eine Sache (Maschine, Werkzeug usw.) nicht direkt beim Hersteller des Produkts, sondern bei einem Groß- oder Einzelhändler. Sollte das gekaufte Produkt einen Fehler haben und beim Käufer einen Schaden verursachen, stellt sich die Frage, gegen wen der Kunde rechtliche Ansprüche geltend machen kann:
Ein Kunde kauft in einem Baumarkt eine Dunstabzugshaube.
Ein Elektriker baut sie fachgerecht ein und schließt sie ordnungsgemäß an.
Ein defektes Bauteil in der Haube verursacht einen Kurzschluss, dadurch entsteht ein Küchenbrand.
Es entstehen Sachschäden an Küche und Wohnung.Wer haftet – und auf welcher Rechtsgrundlage?
Schritt 1: Welche Rechtsgebiete kommen überhaupt infrage?
| Rechtsgebiet | Worum geht es? |
|---|---|
| BGB (Kaufrecht / Deliktsrecht) | Vertrag & Verschulden |
| Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) | Schaden durch fehlerhaftes Produkt |
| Produktsicherheitsgesetz (ProdSG) | Prävention & Marktüberwachung |
„BGB regelt Verträge, ProdHaftG regelt Schäden, ProdSG regelt Sicherheit.“
Haftung nach dem BGB
1. Vertragliche Haftung - Kaufrecht (§§ 434 ff. BGB – Sachmangel)
Grundlage: Kaufvertrag zwischen A und B
§§ 437 ff BGB (Kaufverträge)
§§ 633 ff BGB (Werkverträge, …)
Vertragsbeziehung im Ausgangsfall:
Kunde ↔ Baumarkt
-
Die Dunstabzugshaube ist mangelhaft (defektes Bauteil)
-
Der Kunde hat Gewährleistungsrechte:
-
Nacherfüllung
-
Rücktritt
-
Minderung
-
ggf. Schadensersatz
-
Aber wichtig:
-
Das Kaufrecht deckt nicht automatisch den Brandschaden an der Küche
-
Dafür braucht es Verschulden (§ 280 BGB)
„Über das Kaufrecht bekomme ich das fehlerhafte Produkt ersetzt – aber nicht automatisch den Folgeschaden.“
2. Gesetzliche Haftung - Deliktsrecht (§ 823 BGB)
§ 823 BGB:
Schadensersatzpflicht bei vorsätzlicher oder fahrlässiger Verletzung
-
Schaden an Eigentum (Küche, Wohnung)
-
Anspruch gegen:
-
Hersteller
-
ggf. Händler
-
Problem:
Der Geschädigte muss beweisen:
-
Rechtsgutsverletzung
-
Verschulden (Fahrlässigkeit!)
-
Kausalität
→ Für Serienprodukte fast unmöglich, deshalb…
2. Haftung nach Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) § 1 ProdHaftG:
Zum Ausgangsfall:
✔ Produkt: Dunstabzugshaube
✔ Fehler: defektes Bauteil
✔ Schaden: Sachschaden durch Brand
✔ Kein Vertrag nötig
→ Produkthaftungsfall
b) Wer haftet nach dem ProdHaftG?
Der Hersteller
Hersteller ist:
-
der Produzent der Haube
-
ggf. auch:
-
Importeur
-
Quasi-Hersteller (Markenname)
-
Nicht haftbar nach ProdHaftG:
-
Elektriker (bei ordnungsgemäßem Einbau)
-
Kunde
-
Baumarkt (nur Händler, außer Sonderfälle)
„Nach dem Produkthaftungsgesetz haftet nicht der Verkäufer, sondern der Hersteller.“
Besonderheit Produkthaftung: verschuldensunabhängige Haftung
Der Kunde muss NICHT beweisen:
- dass jemand einen Fehler gemacht hat
Er muss nur beweisen:
-
Produkt war fehlerhaft
-
Schaden ist entstanden
-
Zusammenhang zwischen Produkt und Schaden
„Der Hersteller haftet auch ohne eigenes Verschulden.“
Einschränkung
- Sachschäden nur an privat genutzten Sachen
- Selbstbeteiligung: 500 Euro
- Kein Ersatz für: reine Vermögensschäden oder Schaden am Produkt selbst
c) Rolle des Produktsicherheitsgesetzes (ProdSG)
Nicht: Schadensersatz
Sondern: Sicherheit vor dem Schaden
Pflichten für Hersteller:
-
Nur sichere Produkte in Verkehr bringen
-
Risikobewertung
-
Kennzeichnung
-
Gebrauchsanleitungen
-
Rückrufe bei Gefahr
Zuständig:
-
Marktaufsichtsbehörden
-
Gewerbeaufsicht
-
Produktrueckrufe
Zum Ausgangsfall: Der Brand zeigt: Produkt war nicht sicher
-
Behörde könnte:
-
Verkauf stoppen
-
Rückruf anordnen
-
Bußgeld verhängen
-
Aber:
Der Kunde bekommt kein Geld aus dem ProdSG.
„Das Produktsicherheitsgesetz schützt die Allgemeinheit – nicht den einzelnen Geschädigten.“
Zusammenfassung
| Gesetz | Zweck | Wer haftet / handelt? | Ergebnis im Fall |
|---|---|---|---|
| BGB | Vertrag & Verschulden | Verkäufer / Hersteller | Austausch, evtl. Schadensersatz |
| ProdHaftG | Schaden durch Produkt | Hersteller | Ersatz für Brandschaden |
| ProdSG | Prävention | Hersteller / Behörden | Rückruf, Verkaufsverbot |
Merke
„Das BGB regelt den Kauf, das Produkthaftungsgesetz den Schaden und das Produktsicherheitsgesetz die Sicherheit – drei Gesetze, drei unterschiedliche Ziele.“
Vergleich: Verschuldenshaftung vs. verschuldensunabhängige Haftung
Verschuldenshaftung (z. B. § 823 BGB)
Der Geschädigte muss beweisen:
-
Schaden
-
Handlung
-
Kausalität
-
Verschulden (Fahrlässigkeit oder Vorsatz)
In der Praxis:
-
Wer hat den Fehler gemacht?
-
War jemand unachtsam?
-
Wurden Vorschriften verletzt?
ABER Schwierig bei industrieller Massenproduktion
Verschuldensunabhängige Haftung (ProdHaftG)
Der Geschädigte muss NICHT beweisen:
- Fahrlässigkeit
- Vorsatz
- Organisationsverschulden
Er muss nur beweisen:
-
Produkt ist fehlerhaft
-
Schaden ist entstanden
-
Produkt hat den Schaden verursacht
Warum?
Weil der Hersteller:
-
das Produkt beherrscht
-
die Risiken kennt
-
Gewinne erzielt
-
Risiken versichern kann
Zum Ausgangsfall:
- Defektes Bauteil → Kurzschluss → Küchenbrand
Bewertung nach ProdHaftG
✔ Produktfehler liegt vor
✔ Sachschaden liegt vor
✔ Kausalzusammenhang liegt vor
Frage: Hat der Hersteller alles richtig gemacht?
-
Qualitätskontrollen?
-
Normen eingehalten?
-
Lieferant sorgfältig ausgewählt?
Wichtig: Das spielt keine Rolle! → Der Hersteller haftet trotzdem.
„Selbst wenn der Hersteller sagen kann: ‚Wir haben alles richtig gemacht‘ – haftet er trotzdem für den Schaden.“
Wichtiger Hinweis: Verschuldensunabhängig ≠ grenzenlos
Der Hersteller haftet nicht, wenn er beweisen kann:
das Produkt nicht von ihm in Verkehr gebracht wurde
der Fehler nachträglich entstanden ist (z. B. unsachgemäßer Einbau)
der Fehler nach Stand von Wissenschaft und Technik nicht erkennbar war
(„Entwicklungsrisiko“)der Schaden unterhalb der 500-€-Selbstbeteiligung liegt
Das ist keine Verschuldensprüfung, sondern Haftungsausschluss.
Merke
„Verschuldensunabhängig heißt: kein Nachweis von Schuld nötig.“
„Entscheidend ist der Produktfehler, nicht das Verhalten des Herstellers.“
„Das Risiko trägt der, der das Produkt in Verkehr bringt.“
Hinweis
Frage: „Haftet dann der Industriemeister persönlich?“
Kurzantwort:
„Nein – nach dem Produkthaftungsgesetz haftet das Unternehmen als Hersteller, nicht der einzelne Mitarbeiter.“
Persönliche Haftung wäre BGB / Strafrecht, nicht ProdHaftG.
Merke:
Verkehrssicherungspflichten der Hersteller
- Konstruktionsfehler vermeiden
- Herstellungsfehler vermeiden
- Gebrauchsanweisungen
- Zurückrufen von fehlerhaften Produkten
→ Haftung bei (nachgewiesener) Fahrlässigkeit
Die drei Fehlerarten im Produkthaftungsgesetz
Konstruktionsfehler → Fehler liegt im Plan / in der Konstruktion
Was bedeutet das?
Das Produkt ist schon vom Entwurf her gefährlich
Alle hergestellten Produkte sind betroffen
Beispiel
Dunstabzugshaube:
Leitungen zu nah an hitzeentwickelnden Bauteilen
fehlende thermische Absicherung
Folge:
Überhitzung → Kurzschluss → Brand
„Der Fehler ist nicht zufällig – er steckt im Konzept.“
Haftung:
✔ Hersteller haftet
✔ auch wenn Produktion fehlerfrei war
Fabrikationsfehler → Fehler bei der Herstellung eines einzelnen Produkts
Was bedeutet das?
Konstruktion ist korrekt
Einzelnes Produkt weicht vom Soll ab
Typische Ursachen:
Materialfehler
Montagefehler
mangelhafte Qualitätskontrolle
Beispiel:
Eine Dunstabzugshaube:
beschädigtes Kabel
schlecht verlötete Stelle
Nur dieses eine Gerät ist gefährlich
„Der Bauplan ist richtig – aber die Umsetzung war fehlerhaft.“
Haftung:
✔ Hersteller haftet
✔ auch ohne eigenes Verschulden
Instruktionsfehler → Fehlerhafte oder fehlende Informationen
Was bedeutet das?
Produkt ist technisch in Ordnung
Gefahr entsteht durch falsche oder fehlende Hinweise
Typische Fälle:
unklare Montageanleitung
fehlende Warnhinweise
keine Hinweise auf Restrisiken
Beispiel:
Keine Warnung:
- „Nur durch Fachpersonal anschließen“
Keine Angabe:
Mindestabstand zu brennbaren Materialien
„Ein sicheres Produkt kann durch schlechte Anleitung gefährlich werden.“
Übersicht
Fehlerart Wo liegt der Fehler? Typisches Stichwort Konstruktionsfehler im Entwurf „von Anfang an falsch“ Fabrikationsfehler in der Herstellung „Ausreißer“ Instruktionsfehler in Anleitung / Warnung „falsch erklärt“
„Kann ein Produkt mehrere Fehlerarten gleichzeitig haben?“
Ja!
z. B.:
schlechte Konstruktion und
fehlender Warnhinweis
Das verstärkt die Haftung – schließt sie nicht aus.
ProdHaftG = Gefährdungshaftung! → der bloße Verkauf von Produkten ist ein Risiko → Unternehmen haftet wenn ein Fehler des Produktes zu einem Schaden führt.
Mögliche Schäden sind:
- Tod; Verletzung einer Person
- Beschädigung einer Sache (andere Sache als Produkt! + Sache muss hauptsächlich privat genutzt worden sein)
Liegt ein Fehler vor?
- ja: Haftung
- streitig: Geschädigter (!) muss den Produktfehler nachweisen
Haftungsausschluss des Herstellers:
- Hersteller hat Produkt nicht vermarktet
- Produkt ist fehlerfrei geliefert worden (Fehler durch z.B. falsche Lagerung)
- Produkt wurde nicht für den Vertrieb hergestellt
- Produkt wurde nicht im Rahmen der wirtschaftlichen Tätigkeit hergestellt
- Produkt wurde nach den gesetzlichen Bestimmungen hergestellt
- Fehler war nicht vermeidbar
Einschränkungen
- § 11 ProdHaftG: bei Sachschäden Selbstbehalt von 500 Euro
- § 1 (2) ProdHaftG: nur bei privater Nutzung
- § 10 ProdHaftG: Haftungsgrenze bei Personenschäden
Privat genutzter Gegenstand
Ein Gegenstand ist privat genutzt, wenn er:
überwiegend dem privaten Lebensbereich dient
nicht für eine berufliche oder gewerbliche Tätigkeit bestimmt ist
Typische privat genutzte Gegenstände ✔ Küche
✔ Möbel
✔ Wohnung / Haus
✔ Fernseher
✔ Waschmaschine
✔ private ElektrogeräteBeispiel:
Dunstabzugshaube → privat
Küche → privat
Sachschaden ersatzfähig (abzüglich 500 € Selbstbeteiligung)Typische nicht privat genutzte Gegenstände
- Maschinen in der Produktion
- Werkzeuge im Betrieb
- Firmenfahrzeuge
- Büroausstattung im Unternehmen zB.: Ein fehlerhaftes Bauteil zerstört eine CNC-Maschine im Betrieb.
→ Kein Ersatz nach ProdHaftG
→ nur:
BGB
Vertrag
ggf. Versicherung
Grenzfälle: Selbstständiger Handwerker
Maschine in der Werkstatt → gewerblich genutzt → nicht ersatzfähig
Homeoffice
Drucker oder Laptop ausschließlich beruflich genutzt → nicht privat …gemischt genutzt → rechtlich umstritten, meist: nicht privat
„Sobald ein Gegenstand der Berufsausübung dient, verlässt er den privaten Bereich.“
„Produkthaftung schützt den Verbraucher – nicht das Unternehmen.“
Abgrenzung Vermögensschaden - Sachschaden
Ein Vermögensschaden ist ein rein finanzieller Nachteil
ohne Personen- oder Sachschaden.
- Kein Mensch verletzt.
- Keine Sache beschädigt.
- Nur Geldverlust.
Abgrenzung zu Sachschaden:
Eine Sache wird beschädigt oder zerstört
z. B.:
Küche brennt
Maschine wird beschädigt
Möbel werden zerstört
→ Sachschaden = körperlicher Schaden an einer Sache
Vermögensschaden
nur wirtschaftliche Folgen
kein materieller Schaden an einer Sache
Typische Beispiele:
Produktionsausfall
entgangener Gewinn
Umsatzverlust
Vertragsstrafe
Nutzungsausfall
„Wenn nur das Geld leidet, ist es ein Vermögensschaden.“
Bedeutung für das Produkthaftungsgesetz
Vermögensschäden sind nach dem ProdHaftG NICHT ersatzfähig.
Ersatzfähig sind nur:
- Personenschäden
- Sachschäden (privat genutzt, ab 500 €)
Beispiele:
Beispiel 1: Küchenbrand
Küche brennt → Sachschaden
Hotelübernachtung → Vermögensschaden
ProdHaftG ersetzt:
✔ Küche
❌ Hotelkosten
Beispiel 2: Produktionsmaschine
Maschine beschädigt → Sachschaden
Produktionsstillstand → Vermögensschaden
ProdHaftG:
❌ beides nicht ersatzfähig (gewerblich + Vermögen)
„Produkthaftung ersetzt Sachen und Menschen – nicht entgangenes Geld.“
WICHTIG!
Weitgefasster Herstellerbegriff: § 4 ProdHaftG z.B. auch Vorprodukte, Eigenmarken,…
BEACHTE:
§ 6 ProdHaftG: Haftungsminderung bei Mitschuld des Geschädigten
Aufgaben
Aufgabe 1
Erläutern Sie die verschuldensunabhängige Haftung nach dem Produkthaftungsgesetz.
Aufgabe 2
Unterscheiden Sie die Haftung nach dem BGB von der Haftung nach dem Produkthaftungsgesetz.
Aufgabe 3
Ein fehlerhaftes Elektrogerät verursacht einen Brandschaden in einem Privathaushalt. Auf welcher rechtlichen Grundlage kann der Geschädigte Schadensersatz verlangen?
Aufgabe 4
Wer haftet nach dem Produkthaftungsgesetz für einen durch ein fehlerhaftes Produkt verursachten Schaden?
Aufgabe 5
Welche Schäden sind nach dem Produkthaftungsgesetz ersatzfähig?
Aufgabe 6
Warum wurde die Produkthaftung als verschuldensunabhängige Haftung ausgestaltet?
Aufgabe 7
Ein Industriebetrieb kauft eine neue Produktionsmaschine.
Ein fehlerhaftes Bauteil verursacht einen Kurzschluss.
Die Maschine wird beschädigt, die Produktion steht mehrere Tage still.
Lösungen
Aufgabe 1
Nach dem Produkthaftungsgesetz haftet der Hersteller für Schäden, die durch ein fehlerhaftes Produkt entstehen, unabhängig von einem Verschulden.
Der Geschädigte muss lediglich nachweisen, dass ein Produktfehler vorliegt, ein Schaden entstanden ist und ein ursächlicher Zusammenhang besteht.Aufgabe 2
Während die Haftung nach dem BGB in der Regel ein Verschulden voraussetzt, haftet der Hersteller nach dem Produkthaftungsgesetz verschuldensunabhängig für Schäden, die durch ein fehlerhaftes Produkt verursacht werden. Zudem ist beim Produkthaftungsgesetz kein Vertragsverhältnis erforderlich.
Aufgabe 3
Der Geschädigte kann Schadensersatz nach dem Produkthaftungsgesetz verlangen, da ein fehlerhaftes Produkt einen Sachschaden verursacht hat. Ein Verschulden des Herstellers muss nicht nachgewiesen werden.
Aufgabe 4
Haftbar ist der Hersteller des Produkts. Als Hersteller gilt auch der Importeur oder ein sogenannter Quasi-Hersteller.
Aufgabe 5
Ersatzfähig sind Personen- und Sachschäden, wobei Sachschäden nur an privat genutzten Gegenständen ersetzt werden und eine Selbstbeteiligung von 500 Euro gilt.
Aufgabe 6
Die verschuldensunabhängige Haftung soll den Verbraucherschutz stärken, da der Geschädigte regelmäßig keinen Einblick in die Produktionsabläufe hat. Zudem kann der Hersteller Risiken besser beherrschen und versichern.
Aufgabe 7 Produkt? → Ja.
Fehler? → Ja.
Schaden? → Ja.
Aber:
Schaden betrifft gewerblich genutzte Sache
Schaden an der Maschine selbst
Produktionsausfall = reiner Vermögensschaden
Ergebnis: ProdHaftG greift nicht.
Zusatz: Was bleibt stattdessen?
→ BGB
Kaufrecht (Sachmangel)
Schadensersatz bei Verschulden
Vertragliche Haftung
Gewährleistung
Versicherung„Im Betrieb schützt man sich nicht durch das Produkthaftungsgesetz, sondern durch Verträge und Versicherungen.“
Aufgaben mit Lösungen
Frage 1: Was versteht man unter einem Vermögensschaden?
Antwort: Ein Vermögensschaden ist ein rein finanzieller Nachteil ohne Personen- oder Sachschaden.
Frage 2: Sind Vermögensschäden nach dem Produkthaftungsgesetz ersatzfähig?
Antwort: Nein, Vermögensschäden sind nach dem Produkthaftungsgesetz nicht ersatzfähig.
Frage 3: Warum ersetzt das Produkthaftungsgesetz keine Vermögensschäden?
Antwort: Das Produkthaftungsgesetz dient dem Schutz von Leben, Gesundheit und privat genutzten Sachen, nicht dem Ausgleich reiner wirtschaftlicher Nachteile.
Frage 4: Wie können Vermögensschäden trotzdem ersetzt werden?
Antwort: Vermögensschäden können über vertragliche Ansprüche nach dem BGB oder über Versicherungen ersetzt werden.
Fälle mit Lösungen Fall 1
Ein fehlerhafter Toaster verursacht einen Küchenbrand in einer Privatwohnung.
Welche Schäden sind nach ProdHaftG ersatzfähig?
Antwort:
Küche → Sachschaden (abzüglich 500 Euro) → ersatzfähig
Verdorbene Lebensmittel → Sachschaden → ersatzfähig
Hotelkosten → Vermögensschaden → nicht ersatzfähig
Fall 2
Eine fehlerhafte Maschine beschädigt eine weitere Maschine im Betrieb.
Greift das Produkthaftungsgesetz?
Antwort:
Nein, da der Schaden an einer gewerblich genutzten Sache entstanden ist.
Fall 3
Ein selbstständiger Handwerker nutzt eine Maschine sowohl privat als auch betrieblich. Ein Defekt führt zu einem Brand in der Werkstatt.
Produkthaftung?
Antwort:
Nein, da die Maschine überwiegend der beruflichen Nutzung dient und somit keine privat genutzte Sache vorliegt.
Fall 4 Ein fehlerhaftes Haushaltsgerät verursacht einen Brand in einer Mietwohnung.
Die Wohnung wird beschädigt, der Mieter kann 3 Monate nicht einziehen und verliert Mieteinnahmen.Bewertung:
Wohnung → Sachschaden ✔
Mietausfall → Vermögensschaden ❌
Übungsaufgaben
Übungsband - Übung 118
Der Hobbyhandwerker Holubeck kauft sich beim Baumarkt Haus & Hof GmbH eine Küchendunstabzugshaube des Herstellers Wagner. Einige Tage nach dem fachgerechten Anschluss der Dunstabzugshaube kommt es während der Zubereitung des Mittagessens zu einem Küchenbrand. Es stellt sich heraus, dass ein Zulieferteil konstruktionsbedingt fehlerhaft ist und dies der Hersteller auch gewusst hatte. Der Hersteller Wagner hatte aber die betroffenen Geräte nicht zurückgerufen.
Gegen wen hat Holubeck welche Ansprüche?
Lösung
Vertragliche Ansprüche gegen Baumarkt Haus & Hof GmbH:
Holubeck und Baumarkt haben einen wirksamen Kaufvertrag über die Dunstabzugshaube geschlossen.
Kaufsache ist mit Mängeln behaftet → Mängelgewährleistungsvorschriften §§ 437 ff BGB
→ Der Käufer kann (ohne Fristsetzung) vom Vertrag zurücktreten, da durch den Brandschaden das Vertrauen in das Produkt zerstört ist.
→ Schadenersatzansprüche gegen den Baumarkt bestehen nicht, weil den Baumarkt kein Verschulden trifft (es liegt ein Produktfehler vor, den der Baumarkt nicht zu vertreten hat)
Gesetzliche Ansprüche gegen den Hersteller:
Der Hersteller haftet nach § 1 ProdhaftG: Wird durch den Fehler eines Produkts jemand getötet, sein Körper oder seine Gesundheit verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist der Hersteller des Produkts verpflichtet, dem Geschädigten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen.
Merke:
Das Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) und das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) regeln beide die Haftung für Schäden durch fehlerhafte Produkte, aber sie unterscheiden sich in Anwendungsbereich und Voraussetzungen.
1. Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG)
Anwendung:
- Das ProdHaftG gilt, wenn jemand durch ein fehlerhaftes Produkt einen Personen- oder Sachschaden erleidet.
- Es ist eine verschuldensunabhängige Gefährdungshaftung, d. h., der Hersteller haftet auch ohne Verschulden.
Voraussetzungen:
- Das Produkt war fehlerhaft (nicht die erwartete Sicherheit geboten).
- Der Fehler hat den Schaden verursacht.
- Der Geschädigte ist ein Verbraucher oder Dritter (nicht der direkte Vertragspartner).
Schadensersatzumfang:
- Personenschäden (vollumfänglich).
- Sachschäden (nur an privaten Gegenständen, ab € 500).
- Kein Ersatz für reine Vermögensschäden.
2. Bürgerliches Gesetzbuch (BGB)
Anwendung:
- Das BGB greift bei vertraglichen Ansprüchen (§§ 433 ff. BGB) oder deliktischen Ansprüchen (§§ 823 ff. BGB).
- Es erfordert im Gegensatz zum ProdHaftG oft ein Verschulden (außer bei § 823 Abs. 1 BGB mit Gefährdungshaftung).
Wichtige Ansprüche:
- Vertragliche Haftung (§ 434 BGB):
- Der Verkäufer haftet für Sachmängel, wenn das Produkt nicht vertragsgemäß ist.
- Nur der direkte Vertragspartner (Käufer) kann Ansprüche geltend machen.
- Deliktsrecht (§ 823 BGB):
- Haftung bei vorsätzlicher oder fahrlässiger Schädigung (z. B. durch Produktfehler).
- Auch Dritte (nicht nur Vertragspartner) können Ansprüche stellen.
Schadensersatzumfang:
- Personenschäden, Sachschäden und unter Umständen auch Vermögensschäden.
Zusammenfassung: Wann gilt was?
| Kriterium | ProdHaftG | BGB |
|---|---|---|
| Anwendungsbereich | Fehlerhafte Produkte | Vertragsverletzung / unerlaubte Handlung |
| Verschulden erforderlich? | Nein (Gefährdungshaftung) | Meist ja (außer § 823 Abs. 1) |
| Wer kann klagen? | Jeder Geschädigte (auch Dritte) | Vertragspartner oder Geschädigte (Delikt) |
| Schadensarten | Personen- & Sachschäden (ab € 500) | Personen-, Sach- & ggf. Vermögensschäden |
Praxistipp:
- Ein Geschädigter kann oft sowohl aus ProdHaftG als auch aus BGB Ansprüche geltend machen (Anspruchskonkurrenz).
- Das ProdHaftG ist für Verbraucher vorteilhaft, weil kein Verschulden nachgewiesen werden muss.
- Das BGB bietet weitergehende Ansprüche, z. B. bei Vertragsverhältnissen oder Vermögensschäden.
Prüfungsaufgabe Frühjahr 2023 - Aufgabe 8
Aufgabe 8
Die Platinen AG hat mangelhafte Platinen zur Steuerung der Ventilatoren an die Ventilatorenbau Hagen GmbH geliefert. Die Ventilatoren werden von der Ventilatorenbau Hagen GmbH unter ihrem Namen vertrieben. Die Platinen sind in einem aufwändigen Prozess aus den Ventilatoren auszubauen und durch neue Platinen zu ersetzen.
a)(6 Punkte) Erläutern Sie, ob die Ventilatorenbau Hagen GmbH als Hersteller der defekten Ventilatoren gilt, wenn diese unter ihrem Namen verkauft werden.
b) (4 Punkte) Beschreiben Sie, ob die Platinen AG die Haftung für die defekten Platinen nach dem Produkthaftungsgesetz übernehmen müsste.
Musterlösung
a) Hersteller im Sinne des § 4 ProdHaftG ist, wer das Endprodukt, einen Grundstoff oder ein Teilprodukt hergestellt hat. Als Hersteller gilt auch die Person, die sich durch die Anbringung seines Namens oder seiner Marke als Hersteller ausgibt. Daher würde die Ventilatorenbau Hagen GmbH als Hersteller gelten.
b) Nach dem Produkthaftungsgesetz ist der Hersteller eines Produktes verpflichtet, dem Geschädigten einen Schaden zu ersetzen, der durch das fehlerhafte Produkt an anderen Sachen entstanden ist. Hier sind jedoch nur die eigenen Platinen mangelhaft, so dass eine Haftung aus dem BGB, nicht jedoch aus dem Produkthaftungsgesetz entsteht.
Ausführliche Antwort in Teilschritten
a) Ist das zweite Unternehmen “Hersteller” im Sinne des ProdHaftG?
Ja, das zweite Unternehmen gilt als Hersteller nach § 4 ProdHaftG.Begründung:
- Das ProdHaftG definiert als “Hersteller” nicht nur den eigentlichen Produzenten, sondern auch denjenigen, der ein Produkt unter eigenem Namen oder Marke in Verkehr bringt (§ 4 Abs. 1 Nr. 2 ProdHaftG).
- Das zweite Unternehmen hat das fertige Produkt unter seinem Namen an Endkunden verkauft, auch wenn es die Platinen nur eingebaut hat.
- Es tritt damit nach außen als Hersteller auf und übernimmt die Haftung für das gesamte Produkt, unabhängig davon, wer die Einzelteile geliefert hat.
Ergebnis
Das zweite Unternehmen haftet gegenüber den Endkunden für Schäden, die durch das gesamte Produkt entstehen – auch wenn der Fehler in den eingebauten Platinen liegt.b) Muss das erste Unternehmen nach dem ProdHaftG für die defekten Platinen haften?
Grundsätzlich ja, aber mit Einschränkungen:
Herstellerhaftung des ersten Unternehmens:
Das erste Unternehmen ist als Produzent der Platinen Hersteller im Sinne des ProdHaftG (§ 4 Abs. 1 Nr. 1 ProdHaftG).Es haftet für Schäden, die durch Fehler der Platinen verursacht werden, sofern diese Fehler bereits bei der Lieferung vorlagen.
ABER: Das ProdHaftG gilt nur für Personen- oder Sachschäden, nicht für reine Mangelfolgeschäden am Produkt selbst (§ 1 ProdHaftG).
Im Fall geht es um den Austausch der Platinen – also um einen Mangel des Produkts selbst (das fertige Gerät muss repariert werden).
Solche “Folgeschäden am Produkt selbst” (sog. Weiterfresserschäden) sind nicht vom ProdHaftG erfasst (vgl. BGH, Urteil vom 16.06.2009 – VI ZR 107/08).
Ergebnis
Nein, das erste Unternehmen haftet nicht nach dem ProdHaftG, weil es hier nur um den Mangel der Platinen selbst geht.
Ja, das erste Unternehmen haftet aber nach dem BGB (vertragliche Gewährleistung oder Deliktsrecht), weil es mangelhafte Platinen geliefert hat.
Zusammenfassung der Anspruchsgrundlagen:
Frage Antwort a) Herstellerstatus des zweiten Unternehmens Ja, weil es das Produkt unter eigenem Namen vertrieben hat (§ 4 ProdHaftG). b) Haftung des ersten Unternehmens nach ProdHaftG Nein, da nur Mangelfolgeschaden am Produkt selbst (kein ProdHaftG-Schaden).
Zusatzfrage
Was wäre, wenn die Platinen einen Brand ausgelöst hätten?
Lösung Zusatzfrage
Dann greift das ProdHaftG